Theaterwerkstatt 2011
- Kinder spielen Klassik -
Dieses Theaterprojekt entstand in Rahmen der Theaterwerkstatt Kamenz, initiiert vom Kulturdezernat der Stadt Kamenz mit intensiver Unterstützung von Kamenzer Schulen und den Eltern der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen. Nach der erfolgreichen Inszenierung von "DIE HEXEN VON BIRNAM" steht nun ein weiteres Drama vom Shakespeare auf dem Spielplan:
Shakespeares HAMLET ist nicht nur eine spannende Geschichte von einem Menschen, der aufsteht, der Welt den Spiegel vorzuhalten und sich gegen eine Macht zu wehren, die ihm seine Lebensmöglichkeiten raubt. HAMLET ist ein Modell: sowohl die Geschichte ist exemplarisch als auch ihre handelnden Figuren. Archetypen, wie sie die Welt immer wieder und zu allen Zeiten hervorgebracht hat und hervorbringt.
Der König und die Königin
Das Stück beginnt mit einem Brudermord, das Kain-und-Abel-Motiv der Bibel löst die Handlung aus: den Krieg um die Macht. König Claudius ist der Archetyp des unumschränkten, patriarchalen Herrschers, der um seine zum Himmel stinkende Tat weiß - den Mord am alten König, seinem Bruder - und dennoch seine Ich-Schwäche nur mit absoluter Macht über andere füllen kann. Das Ego des Königs beansprucht den ganzen Lebensraum der Gesellschaft und nährt sich von Lüge, Zynismus, Drohung, Verführung und Mord, immer wieder Mord, um die eigene Angst vor dem politischen Fall zu verbergen, der ihm zeigen würde, was er ist: ein einsamer, kleiner, verzagter, angepasster Mensch wie alle anderen, verletzlich, zerbrechlich, vergänglich: sich im Tode auflösend in die große Einheit, die Natur, den Kosmos.
Die Königin steht für die vom Patriarchen vollständig abhängige Frau. Sie muss sich ihm unterwerfen, in allem zu Willen sein, gegen den eigenen inneren Ekel vor sich selbst und ihrer Schwäche Glück heucheln. Der eigene Wille ist gelähmt, die politische Vernunft regiert ihr Leben. Auch kann sie nur in der Unterwerfung hoffen, ihren Sohn zu schützen, der als Thronfolger eine vage politische Hoffnung für sie bedeutet - falls er überlebt. Für eine Erkenntnis ihrer Lage und Schritte zur Befreiung reichen die Kräfte nicht. Die Muster der schwachen, schuldigen Frau, die als Gegenleistung für ihr verdorbenes Leben die Teilhabe an der Macht des Mannes, den sie hasst - schließlich ist er der Mörder ihres geliebten Gatten - akzepiert, sind zu stark und unreflektiert, so dass sie am Ende sogar den beabsichtigten Mord an ihrem Sohn Hamlet während seiner England-Reise mitträgt. Die Königin repräsentiert das Frauenbild des Mannes, erfüllt alle an sie gerichteten Erwartungen, hat aber sich selbst völlig verloren. Gesetzmäßig tötet sie sich selbst, wenn ihr Sohn am Ende des Stückes tödlich verwundet ist und ihr Handeln damit jede Rechtfertigung verliert.
Der Hofstaat
Polonius, der Berater des Königs, ist der Vertreter der zweiten Machtebene, der Dienende, dessen moralische Ausrichtung ausschließlich dem Machterhalt und dem Vorteil des jeweiligen Herrschers dient; war doch Polonius auch schon Minister unter dem ermordeten König, Hamlets Vater.
Auch seine Tochter Ophelia wird je nach politischer Lage und Notwendigkeit entweder gezüchtigt oder benutzt. Sie ist Eigentum und Verhandlungsmasse, lieblicher Köder und Hassobjekt des Vaters. Ophelia selbst steht für das junge, naive, dem Leben und der Liebe zugewandte Mädchen mit allen Mädchen-Träumen. Ihre kritische Reflexion ihrer eigenen Lage und Zukunft beginnt erst mit Hamlets Abspaltung von ihr und seinem Verweis auf das Leben seiner Mutter. Als Ophelia begreift was geschehen ist und dass Hamlet in England getötet werden soll, sendet sie mit ihrem scheinbaren Wahnsinn dem König und der Königin eine Botschaft ihres Wissen und bricht so mit der Macht, an der sie bis dahin unreflektiert und geschützt teilhatte. Sie stürzt sie sich in den Fluss, um sich der unvermeidlichen Versklavung als Frau zu entziehen.
Seinen Sohn Laertes lässt Polonius im Ausland ausbilden. Er ist für Polonius wie eine Waffe, die man hinter dem Rücken des Königs schärft und die für den König eine latente Drohung bedeutet, dass man auch zur Macht bereit ist. So sind König und Minister in den gleichen Gesetzen der Macht gefangen, verbündet und verfeindet zugleich, abhängig in jedem Fall.
Stabil ist eine solche Beziehung nur, wenn die Macht stabil ist. Gerät das Kartenhaus der Macht ins Wanken, lebt sich’s auf der zweiten politischen Ebene gefährlich. Polonius muss höchsten Diensteifer beweisen, der ihm das Leben kostet.
Rosencrantz und Guildenstern sind wesenlose, angepasste, zu jedem Verrat bereite Höflinge. Die Gier nach der Teilhabe an der Macht und ihre Angst, dieses Spiel zu verlieren, sind ihre einzigen Antriebskräfte. Modellhafte Spitzel und Zuträger: zwei Figuren, Archetypen, die bisweilen auch ein ganzes Volk bedeuten können.
Horatio, der einzige wirkliche Freund Hamlets, ist gleichmütig wie die Zeit selbst. Er ist auffallend unprofiliert am Hof, kaum beteiligt an den Ereignissen. Er will nichts wissen und er tut nichts. Er scheint über den Dingen zu stehen. Er ist der Chronist.
Die Figur des Hamlet
Hamlet ist zu Beginn der Geschichte auf dem Zenit seiner Jugend: Prinz, Thronfolger, Volksliebling, Geliebter der Ophelia, Stolz der Mutter, Freigeist, Intellektueller – erfährt er in Wittenberg, seiner Studienstadt, vom plötzlichen und unerwarteten Tod seines geliebten Vaters, des Königs. Zurück in Dänemark muss er nach der Beerdigung des Vaters die Hochzeit seiner Mutter mit seinem Onkel, dem Bruder seines Vaters und neuem König, miterleben. Er hat zwar scheinbar noch den Anspruch auf die Thronfolge, aber er hat die persönliche Beziehung zur absoluten Macht und allen Einfluss auf sie verloren. Und er darf Dänemark nicht mehr verlassen. Ein Schicksalsschlag, der ihn von einem Tag auf den Anderen vom Hoffnungsträger zum Gefangenen macht und ihn auf sein innerstes Allein-Sein zurückwirft, zumal er die Beteiligung seiner Mutter an den politischen Vorgängen nicht begreifen kann. Sein Leben hat allen bisherigen Sinn verloren. Er verurteilt sich zum Schweigen und zur Untätigkeit. Doch die Ereignisses gehen weiter. Hamlet erfährt vom Geist seines Vaters die Wahrheit: Sein Vater ist ermordet worden. Der Mörder ist der Onkel. Hamlet soll den Mord rächen.
Nun stürzt er in nie geahnte Abgründe. Er bricht mit allem, was er einmal war, was ihn an sein vergangenes Leben bindet. Alle Werte stürzen, sein Denken und Fühlen revoltieren, er erwacht zu einem neuen Bewusstsein. Er wird frei von allen Ängsten, frei zur Wahrhaftigkeit, frei zur Tat. Er steht auf. Er nimmt den Auftrag, den Mord zu rächen, an, wissend, daß er dabei sterben wird. Er begreift die höhere Macht des Schicksals, das ihn führt. Und er wird somit frei dazu, den Tod als notwendigen Teil des Lebens anzunehmen. Er kann allen den Spiegel vor die politischen Fratzen und seelischen Verkümmerungen halten, die er erst jetzt selbst erkennen kann.
Ein Mensch steht auf!
Er wird den Auftrag auf einer höheren Ebene ausführen, denn durch den einfachen Rache-Mord am Onkel wäre Hamlet nur ein weiterer Claudius. Er wird den Hof insgesamt „abräumen”, den üblichen Machtspielen ein Ende bereiten, den Kreislauf von Macht und Gewalt unterbrechen: erst als er selbst tödlich verwundet ist, tötet er den König.
So setzt er ein Zeichen durch seine Geschichte für die Herausbildung eines höheren Bewusstseins der Menschheit, eines Bewusstseins, das die Abspaltung des Egos vom Ganzen, seine Trennung vom Mitmenschen und von der Natur überwindet und von der Einheit alles Lebens ausgeht.
Hamlet zögert nicht, er genießt das Spiel der Abrechnung mit der Macht bis zu dem Punkt, den das Schicksal ihm unausweichlich in die Sterne geschrieben hat, seinem Tod.
Horatio soll seine Geschichte aller Welt weitererzählen: Die unendliche Geschichte von Macht und Unterwerfung, von Krieg und Rache, Leid und Strafe, von Selbstsucht und Selbsterniedrigung, kurz, von der Herrschaft des Unbewussten, des menschlichen Egoismus, der alle Liebe und Würde tötet und letztlich an sich selbst zugrunde geht.
Im Großen wie im Kleinen.
Theaterwerkstatt 2010
- Kinder spielen Klassik -
Dieses Theaterprojekt entstand in Rahmen der Theaterwerkstatt Kamenz, initiiert vom Kulturdezernat der Stadt Kamenz mit intensiver Unterstützung der Kamenzer Schulen und den Eltern der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen. Es spielen 19 Schülerinnen der 5.-10. Klasse aus drei Kamenzer Schulen in einer professionellen Inszenierung eines klassischen Dramas.
DIE HEXEN VON BIRNAM ist eine für das Theaterprojekt erarbeitete Stück-Fassung nach William Shakespeares "Macbeth".
Das ermöglicht den Kindern und Jugendlichen eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Lebensthemen, eine frühe Beschäftigung mit sozialen Mechanismen und individuellen Schicksalen. Die Kinder agieren nicht nur in ihren solistischen Rollen und im Chor, sie haben auch ihre Kostüme und Masken unter Anleitung selbst angefertigt. Die Besonderheit, dass Kinder die Kämpfe der Erwachsenenwelt spielen, macht diese Inszenierung auch in ihrer Wirkung auf Erwachsene einzigartig. Der Blick in diesen ungewöhnlichen Spiegel schärft das Bewusstsein für die Geschichte und die Gegenwart und bereichert die Rezeption klassischer Dramen um einen innovativen Aspekt.
Zur Inszenierung
Nach tausenden von Jahren erwachen die Hexen, Zauberschwestern, weise Frauen wieder. Sie betrachten die Welt aufs Neue und müssen feststellen, dass sich im Bewusstsein der Menschen nicht viel geändert hat. Die Hexen prophezeien dem erfolgreichen Feldherrn Macbeth eine erfolgreiche Zukunft als schottischer König. Macbeth, den die Versuchung, die absolute Macht um jeden Preis zu erlangen, treibt, tötet den derzeitigen König. Verstrickt in seine Bluttaten, geht er schließlich selbst zu Grunde. Die neue Macht wird wiederum durch eine Bluttat errungen. Der König wird nicht anders herrschen als Macbeth.
Die Geschichte des Macbeth wird ganz aus der Sicht der Hexen erzählt. Für die Hexen ist schön hässlich und hässlich schön. Die Dinge sind austauschbar und verlieren somit die gewohnten Bewertungsmaßstäbe. Das macht diese Figuren auch so groß und es steht außer Frage, dass es nicht die Hexen sind, die Macbeth zum Mord am König verführen:
Sie spiegeln nur das, was in Macbeth selbst sich regt: die Gier nach Macht, für die den Menschen seit tausenden von Jahren immer wieder jedes Mittel recht ist.
"Oh immer, immer wider die Natur! Unmäß´ge Herrschsucht, die mit blinder Gier sich ihre eigenen Lebenssäfte raubt!" (Shakespeare)
Eine ewige Geschichte, immer wieder das Gleiche. Und doch treibt der Gedanke uns an, diesen Kreislauf zu unterbrechen.

